Chorleben - S-Chorverband

Auto-Probe setzt Endorphine frei

Selten wurde eine einfache Ensemble-Probe so akribisch und mit so viel Aufwand vorbereitet wie diese. Und selten hat eine Ensemble-Probe so viel Endorphin freigesetzt wie diese „Auto-Probe“!

Aufgrund der seit März 2020 geltenden Kontaktbeschränkungen können Chöre derzeit nicht oder nur mit Einschränkungen proben. Die gängigste Lösung ist die Online-Probe auf Plattformen wie „Zoom.us“. Dort ist leider ein gemeinsames Singen nicht möglich, da die unterschiedlichen Internetverbindungen einen Zeitversatz mit sich bringen, der für ein gemeinsames Singen zu groß ist. Von den Verboten von Zusammenkünften nicht betroffen sind jedoch Autokinos wie das in Kornwestheim. Die Regelung besagt lediglich, dass die BesucherInnen ihre Autos nicht verlassen dürfen und die Scheiben geschlossen bleiben müssen. Hierauf basierte die Idee zur „Auto-Probe“.

Das Ensemble XXX probt seit Februar 2020 zusammen und besteht derzeit aus 12 Sängerinnen und Sängern. Nach wenigen „echten“ Proben folgten im März Online-Meetings und Proben per Aufnahmen. Seit Anfang April ist das Ensemble Mitglied im Heilbronner und im Schwäbischen Chorverband. Für den April war eigentlich die „ordentliche“ Gründung geplant, mit Namensfindung und Vereinsgründung. Die eingeschränkte Probesituation machte jedoch die Lösung dieses Problems dringender.

Nach ausführlicher Vorbereitung hat das Ensemble XXX deswegen am 9.4.2020 eine Auto-Probe auf dem Parkplatz der Wildeckhalle in Abstatt durchgeführt. Alle SängerInnen des Ensembles haben mit ihrem Auto im Kreis geparkt und ihr Auto nicht verlassen. Ein Tontechniker mit zwei AssistentInnen war vor Ort und hat eine Tontechnik ähnlich wie für ein Chorkonzert mit Einzelmikros aufgebaut – nur eben ohne Boxen fürs Publikum. Alle SängerInnen bekamen ein eigenes Mikrofon sowie ein Verlängerungskabel für einen Kopfhöreranschluss ins Auto, sodass zu jedem Auto zwei Kabel führten. Der Ton der einzelnen Mikros wurde über ein Mischpult zusammengeführt, sodass alle SängerInnen auf ihrem Kopfhörer den Gesamtklang aller SängerInnen hören konnten. Da es sich um professionelle Bühnentechnik handelt, gab es tatsächlich keinerlei Zeitversatz und die Qualität war hervorragend.

Nach dem Soundcheck folgte im Wesentlichen eine „normale“ Ensemble-Probe, mit Einsingen, Durchsingen und Üben bestimmter Stellen. Auch die Besprechungen zwischen den Gesangs-Passagen war gut möglich. Durch die vorherigen Online-Meetings hatte sich ohnehin schon eine gewisse Disziplin im Nicht-gleichzeitig-Sprechen etabliert, sodass auch eine konzentrierte Probearbeit möglich war.

Für mich als musikalische Leitung war die Auto-Probe besonders spannend – und erstaunlich effektiv. Obwohl das Ensemble erst seit 2 Monaten zusammen geprobt hatte, war die gemeinsame Probearbeit schon so eingespielt, dass außer dem eingeschränkten Blickkontakt durch die Autofenster kaum Verlust an Probequalität zu bemerken war. Im Gegenteil – die Konzentration schien sogar höher durch die veränderten Bedingungen. Die Tonqualität, die auf dem Kopfhörer ankam, war erstaunlich, absolut direkt, als würde man bei einer CD-Aufnahme mitsingen. Einzig bei rhythmisch komplexen Passagen macht sich bemerkbar, dass die SängerInnen der gleichen Stimme sich nicht so gut aufeinander abstimmen können.

Allen SängerInnen sowie den weiteren Beteiligten war die Begeisterung an der Aktion mehr als deutlich anzumerken. Als nach dem Soundcheck klar war, dass es tatsächlich funktioniert und wir zusammen singen können, war der Jubel vermutlich auch außerhalb der Autos zu hören. Auch der Dank-Applaus an alle Beteiligten am Ende der Probe kam von Herzen.

Diese Auto-Probe wurde durch zahlreiche Menschen und Organisationen ermöglicht: durch den Schwäbischen Chorverband und dessen Förderung, durch die organisatorische Hilfe von Gerald Kranich, Präsident des Chorverbands Heilbronn, durch den Bürgermeister der Stadt Abstatt und dessen Erlaubnis, durch die engagierte Beratung und hervorragende technische Umsetzung von Kaltwasser-Events sowie die mediale Begleitung durch Isabelle Arnold von ProStimme. Die Idee und organisatorische Umsetzung kamen von mir, Tabea Raidt, als musikalischer Leitung des Ensembles.

Der logistische und finanzielle Aufwand für diese Art zu Proben ist natürlich nicht zu leugnen. Deswegen kann die Auto-Probe sicher nicht die wöchentliche Chorprobe ersetzen. Aber als besonderes Event zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls kann ich es nur empfehlen! Falls es interessierte NachahmerInnen gibt, dazu an dieser Stelle einige Hinweise.

Organisatorisch ist zu beachten: Die Autos sollten nicht verlassen werden, auch die Autofenster müssen (bis auf einen kleinen Spalt für die Kabel) geschlossen bleiben. Abstimmungen beim Aufbau sind problemlos telefonisch oder über einen Gruppenchat möglich. Es sollte eine Genehmigung der Gemeinde vorliegen. Schließlich sind Versammlungen im öffentlichen Raum eigentlich nicht erlaubt und eine solche Auto-Probe liegt vermutlich an der Grenze des Möglichen. Die TechnikerInnen sollten vorab Vorsichtsmaßnahmen zusichern, beispielsweise mit Handschuhen arbeiten und die geliehene Technik danach sicher reinigen.

Technisch gesehen ist das Prinzip simpel: jede/r SängerIn benötigt ein Mikrofon und einen Kopfhörer sowie dazu jeweils ein passendes Kabel. Meist wird es so sein, dass die SängerInnen ihren eigenen Kopfhörer mitbringen, aber ein Mikrofon ausleihen müssen. Zusammengeführt werden die Mikrofonsignale in einem Mischpult. An die Ausgänge des Mischpults werden Kopfhörerverstärker angeschlossen, an die dann die Kopfhörer eingesteckt werden. Wenn die Technik samt Techniker ausgeliehen wird, werden Kosten von mehreren hundert Euro fällig. Bei langfristiger Verwendung kann auch eine Anschaffung sinnvoll sein. Eine Ausstattung (Mischpult, Mikrofone, Kabel, Kopfhörerverstärker) für einen Chor von 20 SängerInnen liegt dann bei einigen tausend Euro.

Auf weitere spannende musikalische Experimente!

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