Chorleben - S-Chorverband

Das Seminar Zukunft Schaffen

Ziele, Energie, Mut – und Realismus

Dies ist die Fortsetzung zum Artikel in „Singen“ Januar 2011 S. 15

Warum braucht es selten eine „werbliche Einladung“ für Schlafen, Essen, Sex – und Fernsehglotzen? Warum fliegt das Insekt freiwillig zur Blüte, drängt der Hund zum Futternapf? Warum wird mehr Lotto gespielt als im Chor gesungen? Warum träumen junge Mädchen von Pferden, Jungs von schnellen Autos und Motorrädern, aber seltener von der Mitgliedschaft in einem Jugendchor? Weil hier Erwartungen und Bedürfnisse, (manchmal auch vermeintliche) gestillt werden.

Denken wir weiter und schauen der Realität ins Auge:

Wenn vor allem Traditionschöre große Nachwuchssorgen haben, scheinen diese nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung Bedürfnisse zu erfüllen – oder man traut es diesen Chören einfach nicht (mehr) zu. Und machen wir uns nichts vor. Wenn potenzielle Interessenten sagen: „Ja eigentlich gerne, aber ich habe zu wenig Zeit!“, dann ist trotzdem Zeit für wichtigere Bedürfnisse – und Fernsehen!

Vielleicht dämmert es Ihnen langsam, warum Chorwerbung viel zu selten funktioniert.

Ein Flyer im Briefkasten weckt selten (nicht verhandene!) Bedürfnisse – ein musikalisch zweifelhafter Auftritt noch viel weniger. Und der letzte Ausweg, das persönliche Klinkenputzen, kommt bei manchen so ähnlich an, wie eine versuchte Bekehrung durch Zeugen Jehovas, eine Sammlung für die Kriegsgräberfürsorge oder der Verkauf eines Staubsaugers in der Preislage eines gebrauchten Kleinwagens.

Was können wir zeigen, dass Chorsingen wichtige Bedürfnisse erfüllt?

Merkt man uns Sängerinnen und Sängern die Begeisterung nach der wöchentlichen Probe oder nach einem gelungenen Konzert noch am nächsten Tag, beispielsweise am Arbeitsplatz, an? Sprechen wir genügend über diese Erlebnisse – ohne im Nachsatz gleich um neue Sänger zu werben? Stecken wir andere Menschen mit unserer Begeisterung an oder versuchen wir mit einer „es-ist-kurz-vor-zwölf-Mentalität krampfhaft (dieses Wort fiel in einem Seminar) um jeden zu werben – selbst um solche, von den wir nicht einmal wissen, ob Sie den Ton halten können? „Jeder kann singen“, wirklich? Und warum begeistert uns dann Chormusik von Könnern? Warum haben Chöre mit mehr Qualität und Ausstrahlung weniger Nachwuchssorgen?

Wenn Sie werben, dann denken Sie bitte an folgende 10 Dinge:

  1. Bringen Sie Menschen zum Lachen und Schmunzeln. Lachen und Fröhlichkeit ist ein Grundbedürfnis. Dazu ein chinesisches Sprichwort: „Wer kein freundliches Gesicht hat, sollte kein Geschäft aufmachen.“
  2. Zeigen Sie mehr Kreativität. Haben Sie Mut anders zu sein, nicht das zu machen, was die anderen auch schon immer so machen. Finden Sie Möglichkeiten im Konzert (natürlich zum Schmunzeln) für Ihre Sache zu werben. Begeisterte Zuhörer können durch Ideen bei der Veranstaltung zu begeisterten „Mitmachern“ werden – es funktioniert.
  3. Eine gute Gestaltung Ihrer Werbedrucksachen macht Eindruck ­– aber glauben Sie deshalb bitte nicht, dass Sie dadurch viele neue Sänger und Zuhörer gewinnen. Denn Chöre gewinnen neue Sänger und Zuhörer zu über 90% durch persönliche Beziehungen. Und trotzdem – eine Gestaltung mit der sich die Sängerinnen und Sänger sowie potenzielle Interessenten identifizieren, die den „Mief“ vergangener Zeiten hinter sich lässt, ist ein Zeichen für Aufbruch. Gute Gestaltung weckt Aufmerksamkeit und Emotionen – und ist damit ein Mosaikstein guter Kommunikation. Und vergessen Sie bitte dabei nicht: Nicht jeder kann einen Chor dirigieren und nicht jeder ist ein guter Gestalter – wer wirklich professionelle Werbung möchte, braucht einen Profi, der es nicht umsonst gelernt hat. Und wenn Sie an die Kosten-Nutzen Relation denken, macht es sicherlich Sinn an Gestaltungsvorlagen zu denken, die immer wieder aktualisiert werden können.
  4. Jedes Chormitglied sollte zum überzeugenden Botschafter des Vereins werden – auf seine persönliche Art. Dieses kann nur gelingen, wenn die- oder derjenige „im tiefsten Herzen“ selbst von der Qualität seines/ihres Chores und der Gemeinschaft überzeugt ist. Wenn nicht, kommt es auf Punkt 5 an.
  5. Wenn wir nicht in dem für uns persönlich idealen Chor singen, müssen wir selbst etwas daran ändern. Also aktiv werden, Dinge verbessern und auf dem Weg bleiben. Und wenn das alles nichts nützen sollte: Ein für Sie besserer Chor findet sich sicherlich in näherer Umgebung.
  6. Klären Sie Konflikte im Verein bevor daraus Schwelbrände werden. Sie können es aber nicht immer jedem recht machen. Das Win-Win Denken ist löblich und anzustreben – aber nicht immer möglich. Und etwas „Reibung“ ist notwendig, um voranzukommen und auf dem Weg zu bleiben.
  7. Der Mensch hat zwei Ohren und einen Mund. Deshalb lebt gelungene Kommunikation vom Zuhören. Haben Sie offene Ohren für Mitglieder und solche, die es werden könnten. Fragen Sie nach Bedürfnissen und danach, was Sie tun können, um das „Angebot Chor“ so attraktiv wie möglich zu machen.
  8. Zeigen Sie Profil. Warum sollte sich jemand begeistern in einem ganz normalen Chor zu singen. Geben Sie berechtigten Grund auf Ihren Chor stolz zu sein (Stolz: Ein Grundbedürfnis, das nicht mit Arroganz und Überheblichkeit verwechselt werden darf)!
  9. Suchen Sie sich Hilfe, wenn Sie alleine nicht weiterkommen. Sparen Sie nicht an der falschen Stelle und verschwenden Sie nicht länger Geld und Zeit an Dinge, die Ihnen in der Vergangenheit auch nicht weitergeholfen haben.
  10. Kommunikation ist die Fähigkeit, gute Beziehungen herzustellen: zu der bestehenden Chorgemeinschaft, zu potenziellen Sängerinnen und Sängern, zu Zuhörern, zu Kooperationspartnern, zur Gemeinde und Bevölkerung…

So hat Kommunikation viel mit Ausstrahlung, Motivation, Selbstbewusstsein und Konfliktlösung zu tun.

Sie brauchen Ziele, Energie und Mut – und Realismus

Sie sind mit Ihrer jetzigen Situation nicht ganz zufrieden. Dann brauchen Sie ein realistisches Ziel. Um dieses zu erreichen, sollten Sie bereit sein, mehr und anderes zu tun als bisher. Das erfordert Energie und Mut. Denn manches, was Sie anpacken, stößt sicherlich auf Widerstände – und manches wird auch nicht funktionieren. Das ist völlig normal. Erfolg ist einmal mehr aufstehen als liegenbleiben.

Sie brauchen den Realismus, dass sich die Chorlandschaft verändern wird (Übrigens macht sie das schon immer). Nicht jeder Chor wird in seiner Form überleben – und das sollte Sie nicht schrecken. Sehen Sie die Chorlandschaft und Ihren Verein als Park mit jungen und alten, mit großen und kleinen Bäumen. Also säen und pflegen Sie! Vergessen Sie dabei niemals: Auch ein umgestürzter knorriger Baum ist Lebensgrundlage für Neues. Auch ein „sterbender Chor“ hat Würde und die Mitglieder können und sollten noch viel Freude am Singen haben.

Das Lebensprinzip „Geburt, Entwicklung, Höhepunkt, Niedergang und Auflösung“ betrifft uns alle. Haben Sie den Mut für diesen realistischen Blick auf Entwicklung und werden oder bleiben Sie aktiv!

Sigi Bütefisch

Johannes Pfeffer, 11. Jan 2011, Fortbildungen, Regionalchorverbände, Kommentare per Feed RSS 2.0,Kommentare geschlossen.

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